Unterwegs mit dem verrückten Maler

Unterwegs mit dem verrückten Maler
Drei Wochen lang arbeiten wir an den schönsten Orten in der Schweiz und an Côte d'Azur und italienischer Riviera

Meine ganz persönliche Robinsonade trat ich im Sommer 2025 an, wobei ich wohl eher die Rolle des Freitags spielte, des treuen Begleiters von Robinson. Gemeinsam mussten wir knapp drei Wochen in einem Mercedes Vito überleben, ohne Dusche, Toilette und Kochgelegenheit und ohne konkretes Ziel. Der Weg war das Ziel und unterwegs wollte Robinson als Spraykünstler arbeiten – der Roadtrip sollte sich selbst finanzieren. Deshalb vermeiden wir unnötige Ausgaben, etwa für Unterkünfte oder Mautgebühren.

„Mira!“ – sagt Robinson, pustet sich eine schwarze Korkenzieherlocke aus dem Gesicht und wirft mir unter seinem bunten Schlapphut einen vielsagenden Blick zu, als er mir sein weißes Spendenkörbchen zeigt. Darin wenige Cent-Münzen. Manchmal bekommt er Scheine zugesteckt – 5, 10 oder auch mal 50 Euro – aber ausgerechnet hier in Cannes, wo der Reichtum aus jeder Pore, jeder Hermès-Handtasche und jeder goldenen Rolex sprüht wie die Farbe aus Robinsons Spraydose, sind die Leute geizig.

Fantasielandschaften entstehen wie von Zauberhand

Es ist ein lauer Juliabend. Robinson kniet auf einem Schaumstoffpolster, Spraydosen unterschiedlicher Farbnuancen wandern durch seine Hände und allmählich wird klar, warum der Chilene auch Pintorloco genannt wird – der verrückte Maler. Vor den Augen einer staunenden Menschentraube entsteht auf der Leinwand, die vor ihm auf dem Boden liegt, in kürzester Zeit eine monochrom blaue Fantasielandschaft mit Sternenhimmel und riesigem Vollmond, davor kontrastierend die Wipfel von Nadelbäumen, Wasserkaskaden ergießen sich in einen See.

Kylie Minogue und Fußball-WM - Wir sind immer da, wo was los ist

Robinsons Lautsprecherboxen beschallen die Strandpromenade mit Musik von Jean-Michel Jarre. Eine gute Woche zuvor konnten wir diese in der Stuttgarter Fußgängerzone noch live von der Bühne des Jazzopen aus vernehmen.

Am Tag zuvor trat dort Kylie Minogue auf, an den folgenden Tagen Zucchero und Lionel Richie. Da sind wir aber bereits in Konstanz.

Von Konstanz aus geht es rüber in die Schweiz, wo wir an einem Waldstück bei Bern campieren und uns entspannt die Stadt besehen, die gerade ganz im Zeichen der Frauen-Fußball-WM stand.

Geld verdienen – manchmal leichter gesagt als getan

Hätten wir geahnt, dass man als Straßenkünstler nur einmal pro Woche in Bern arbeiten darf, hätten wir uns das für den nächsten Tag aufgehoben.

So konnte Robinson am ersten Abend nur wenige Stunden arbeiten. Am zweiten Tag hatten wir kaum die blaue Plastikplane ausgebreitet, sie mit Malerkrepp auf dem Pflaster des Münsterplatzes befestigt und darauf die gesprayten Bilder auf Fotopapier, um ungewolltes Wegwehen zu verhindern, die akkubetriebenen Dreibeinstrahler aufgestellt und die Spraydosen aus der großen Metallkiste aufgereiht – als wir auch schon wieder zusammenräumen mussten.

Die Beamten der Gewerbepolizei blieben in der Nähe, um sicherzugehen, dass wir auch wirklich abhauten. So gehen einem auch Einnahmen durch die Lappen. Jede Stadt hat andere Regularien.

Die nächste Station war Lausanne, wo wir auf der Promenade am Genfer See richtig gut verdienen. Ein Kunsthändler erwarb gleich eine größere Charge, auch wenn er den Preis ordentlich drückte. Verkaufen wird er sie für ein Vielfaches.

In Grenoble und Gap konnten wir aufgrund des starken Windes nicht arbeiteten, dafür aber interessante kulturelle Einblicke gewinnen.

Um hin und wieder mit Wasser in Berührung zu kommen, wird man erfinderisch. Im Bahnhof von Bern habe ich die teuerste und luxuriöseste Dusche ever genossen. Robinson erfrischte sich im Lac de Bourget. Ich duschte bei Freunden in der Provence und wir badeten im Meer an Robinsons höchsteigenem Strand.

Von Cannes aus ging es nach Nizza, wo wir die halbe Nacht nach einem Parkplatz suchten, dann aber einen wunderschönen Spaziergang machten mit einer "Formule de Midi" in einer Boulangerie als Ziel. Dann folgte eine abenteuerliche Fahrt mit ständiger Rollerbedrohung über Monaco nach San Remo, wo sich die Menschen als deutlich großzügiger erweisen - einen 50-Euroschein wirft jemand Robinson ins Körbchen.

In Genua verdienen wir gerade sov viel wie eine Meeresfrüchtevorspeise für zwei kostet, die Robinson sich aber nicht nehmen lassen mag. Das weltbeste Schokoeis für wenig Geld reißt es wieder raus.

Der Rückweg führt über die Alpen, wo die Serpentinen enger waren als der Länge unseres Fahrzeugs angemessen gewesen wäre, wir aber mit ganz besonderen Ein- und Ausblicken reich belohnt werden.

Ein Kreis schließt sich am Bodensee, wo wir uns in Lindau noch durch einen anderen großen Künstler inspirieren lassen.